Wie alt ist Ahrensdorf wirklich? – Teil 1

Im Jahre 2019 feiert Ahrensdorf seinen 777. Tatsächlich feiert man hier aber nicht Ahrensdorfs Geburtstag, sondern seine erste urkundliche Erwähnung im Jahre 1242.

Inhalt dieser Urkunde war die Übertragung Ahrensdorfs an das Kloster Lehnin. Damaliger Besitzer Ahrensdorfs war der Ritter Heinrich von Stegelitz, zeitgenössisch vermutlich „Henricus de Stegelitz“. Dieser gründete übrigens, wahrscheinlich so um 1230, auch das Dorf Steglitz, heute ein Teil Berlins. Stammsitz derer von Stegelitz liegt in der Altmark – damals Brandenburg, ab 1815 preußische Provinz Sachsen, 1945-1952 und seit 1990 Land Sachsen-Anhalt.

Als Geburtstag Brandenburgs gilt der 11. Juni 1157. Zu dieser Zeit erstreckte sich das Herrschaftsgebiet des Brandenburger Markgrafen lediglich über die Altmark, die Zauche (liegt heute in Potsdam Mittelmark) und das Havelland. Die Besiedelung des Teltow* fand erst ab 1170 aus Richtung Norden und Nordwesten aus dem Havelland über die Bäke/Teltow und aus Richtung Westen aus der Zauche über die Nuthe statt.

*Für die Jüngeren: „Der Teltow“ ist der Name der kulturhistorischen Landschaft in der wir leben, abgeleitet vom gleichnamigen Plateau. Seit dem Mittelalter bis 1952 gab es auch einen (Land-)Kreis gleichen Namens, der zum Ende seiner Existenz in etwa noch die späteren DDR-Kreise Zossen und Königs-Wusterhausen umfaßte.

Verlauf der Bäke im Jahre 1780

Heute ist die Telte/Bäke nur noch an einigen stellen als kümmerliches Rinnsal zu sehen und größtenteils im Teltowkanal „untergegangen“. Seinerzeit soll sie aber ein recht wasserreicher Bach gewesen sein, welcher sich vom Gebiet des späteren Steglitz bis zum Griebnitzsee/ergo der Havel hinzog und als eine natürliche Grenze fungierte.

Über Nuthe und Bäke soll der Teltow also besiedelt worden sein, wobei „Besiedelung“ nicht bedeutet, daß man in einen menschenleeren Raum vorstieß. Der Teltow war auch zuvor schon dünn besiedelt. Hier lebten die slawischen Sprewanen, die ihrerseits zwischen dem 5. und 7. Jh. das Land in Besitz nahmen. Was sie nun im 12. Jh. von den Neusiedlern unterschied, war ihre Religion. Die Spreewanen waren Heiden und glaubten an verschiedene Naturgottheiten, die Neusiedler waren Christen.

Siedlungsgebiet der Heveller und Sprewanen um 1150

Bei Ahrensdorf (damals wohl Arnestorp oder Arnoldsdorpe – das „Dorf des Arne/Arnold“) handelt es sich, nach allem was man weiß, um eine echte Neugründung im Rahmen der askanischen Landnahme, es gab – aller Wahrscheinlichkeit nach – also keinen slawischen, ergo älteren, vor 1157 gegründeten Vorläufer. Anders als zum Beispiel beim benachbarten Gröben. Die askanische Gründung Gröbens ist für 1170 belegt, der heute noch existierende Kiez ist die wesentlich ältere, slawische Gründung und war ursprünglich ein Fischerdorf.

Apropos 1170. Dieses Jahr ist das Todesjahr unseres ersten Markgrafen, genannt Albrecht der Bär. Unter seinem Sohn und Nachfolger Otto I. wurde mit Nachdruck die Landnahme über die oben erwähnten Grenzen hinaus betrieben. Just in diesem Jahr wurde also Gröben gegründet. Für einen weiteren Nachbarn Ahrensdorfs, für das Dorf Damsdorf (Vorläufer Ludwigsfeldes) wurde der Bau einer hölzernen Kirche anhand vom Bodenfunden durch Archäologen um das Jahr 1180 angesiedelt. Wenn man nun davon ausgehen möchte, daß ein Gotteshaus im Rahmen einer christlichen Landnahme so ziemlich zum Ersten gehört, was in einem neuen Dorf errichtet wird, könnte man die Gründung Damsdorfs reinen Gewissens für das Jahr 1180 annehmen.

Oben bereits genannter Heinrich von Stegelitz dürfte Ahrensdorf nicht gegründet haben, da seine Gründungen i.d.R. auch seinen Namen bekamen. Neben dem um 1230 gegründeten, hier bereits erwähnten Steglitz in unserer Nähe, zum Beispiel auch das bis heute den Namen Stegelitz tragende Dorf in der Uckermark. Schaut man sich weiterhin die bekannten Gründungsdaten von Dörfern in unserer Nähe an –> Gröben 1170, 4 km südwestlich; Damsdorf 1180, 7 km südöstlich, Zehlendorf, zw. 1175 und 1200, 12 km nördlich, und legt man zugrunde, daß die Besiedelung der Mittelmark räumlich und chronologisch sukzessive erfolgte, so möchte ich für Ahrensdorf eine Gründung in der Zeit zwischen 1170 und 1200 nicht zwingend ausschließen. Dies auch deshalb so viel deutlich früher als 1242, da im Jahre 1242, das Jahr der meisten Erwerbungen des Klosters Lehnin, bereits auch Dörfer im weiter entfernten Niederbarnim und sogar in der Neumark (östlich der Oder) in den Besitz des Klosters übergingen und zum Zeitpunkt der Eigentumsübertragung also bereits gegründet worden sein und landwirtschaftlich bereits funktioniert haben mußten. Wenn man nun noch berücksichtigt, daß Brandenburg von West nach Ost erschlossen wurde – Dörfer im Osten in der Regel also später als die im Westen enstanden sein müßten, kommt man nicht umhin anzuerkennen, zumindest sehr starke Indizien für ein deutlich älteres Ahrensdorf vorliegen zu haben. Hinzu kommt als Indiz auch, daß Ahrensdorf mit einer bereits funktionierenden Mühle an des Kloster Lehnin übertragen wurde. Nun dauerte der Bau einer Mühle in Brandenburg sicher nicht so lang wie heute ein Flughafen, aber eine Zeit wird es schon gedauert haben und die Höhe der Erträge/Abgaben war zum Zeitpunkt der Übereignung auch schon bekannt/festgesetzt. Also dürfte die Mühle 1242 die Verarbeitung mindestens einer Ernte bereits hinter sich gehabt haben.

Auch ein weiterer Umstand der ältesten bekannten urkundlichen Erwähnung Ahrensdorfs im Jahre 1242 ist ein Indiz dafür, daß Ahrensdorf deutlich älter sein dürfte. Es gibt nicht wenige Orte in Brandenburg, deren urkundliche Ersterwähnung in das Jahr 1242 fällt. Warum? Nun, weil das eben, wie oben schon erwähnt, das Jahr der Großerwerbungen des Klosters Lehnin war. Alles fein säuberlich in Urkunden festgehalten. Wäre Ahrensdorf 1242 nicht an das Kloster veräußert worden oder die Urkunde verschollen, würden wir heute mit großer Wahrscheinlichkeit, wie sehr viele andere Dörfer Brandenburgs, das Jahr 1375 zur Grundlage unserer Jubiläen machen. Und wieso 1375? Aus dem Jahre 1375 stammt das Landbuch der Mark Brandenburg von Kaiser Karl IV., im Prinzip eine komplette Bestandsaufnahme märkischer Orte. Jedes Dorf, das 1375 existierte wurde damals erfaßt. Für Orte, von denen wir keine frühren Urkunden kennen, ist diese Erfassug dann die urkundliche Ersterwähnung. Würden wir nicht wissen, daß Ahrensdorf 1242 an das Kloster Lehnin übertragen wurde, würden wir an dieser Stelle also rätseln, wie lange vor dem Landbuch, also vor der Erfassung im Jahre 1375, Ahrensdorf schon existiert haben mag. Die Urkunden über die Erwerbungen des Klosters Lehnin im Jahre 1242 waren also auch nur eine Registratur* aus gegebenem Anlaß, ohne Aussagen zur Gründung der jeweiligen Dörfer treffen zu können.

*Ist vergleichbar mit der Anwesenheitsliste von Elternabenden. Anhand dieser „Urkunde“ könnte man auch in 777 Jahren feststellen, wer an betreffendem Datum vor Ort, also existent war. Man bekommt darüber aber nicht heraus, wie alt die in der Liste Aufgeführten zum Zeitpunkt des Elternabends schon waren.

Letztendlich läßt sich das tatsächliche Gründungsjahr Ahrensdorfs mit den bisherigen, gesicherten Kenntnissen nicht benennen. Klar ist nur, daß es einige Jahre vor 1242 gegründet worden sein muß und vermutlich frühestens ab 1170 gegründet worden sein konnte.

Ältere Literatur behauptet für einen schmalen Streifen rechts der Nuthe auch eine Gründungstätigkeit Albrecht des Bären, also noch vor 1170. In jüngeren Werken ist davon aber kaum die Rede.


Mit einem Augenzwinkern: Wenn wir 2020 wieder feiern möchten, verständigen wir uns doch einfach auf das durchaus mögliche Jahr 1170 oder 1180/1190 als Gründungsjahr und hätten dann Grund für eine Party zum 850. oder wenigstens zum 840./830. Geburtstag 😉

Gründungsjahre ausgewählter Orte (Kartengrundlage Kreis Teltow 1788)
Gündungsrichtung von Nordwest und West nach Südost bzw. Ost und Nordost

Wie alt ist Ahrensdorf wirklich? – Teil 2